slider Dez 2022
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Impuls zum August 2026

 Unsere Zeit interessiert sich sehr für das „tiefere Leben“. Bücher und Kurse versprechen mehr Achtsamkeit, innere Freiheit, geistliche Erfahrungen und neue Wege zu uns selbst. Dahinter steht eine berechtigte Sehnsucht: Der Mensch lebt nicht vom Funktionieren allein. Wir können beschäftigt und gut versorgt sein und dennoch innerlich leer bleiben.

Doch gerade weil diese Sehnsucht so groß ist, gibt es viele Stimmen, die uns sagen wollen, wo erfülltes Leben zu finden sei. In diese Suche hinein spricht Jesus: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.“ Dieser Satz klingt wie die Antwort auf unsere Sehnsucht. Aber Jesus bietet uns kein weiteres Programm zur Selbstverwirklichung an.

In Johannes 10 erzählt er von Schafen, einem Stall, einer Tür und einem Hirten. Der Hirte ruft seine Schafe einzeln heraus. Sie folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Er geht vor ihnen her und führt sie zur Weide. Einem Fremden dagegen folgen sie nicht.

Damit stellt sich eine entscheidende Frage: Welche Stimme führt mich? Viele Stimmen sagen: „Du musst dich selbst entdecken. Du brauchst diese Erfahrung, diese Methode oder dieses Buch – dann wird dein Leben endlich tiefer.“ So kann die Suche nach dem tieferen Leben selbst zum Konsum werden. Man liest ein Buch nach dem anderen, besucht Kurse und probiert ständig neue Wege aus. Doch kaum ist eine Entdeckung gemacht, wird schon die nächste versprochen.

Jesus bietet uns dagegen nicht zuerst eine Methode an. Er bietet uns sich selbst an: „Ich bin die Tür.“ Durch ihn finden die Schafe Rettung, Freiheit und Weide. Das Leben in Fülle beginnt nicht damit, dass wir immer tiefer in uns selbst hineinschauen. Es beginnt damit, dass wir seine Stimme hören und ihm folgen.

Augustinus suchte lange nach Erfüllung – in Bildung, Ansehen, philosophischen Gedanken und religiösen Vorstellungen. Rückblickend schrieb er: „Du hast uns auf dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir.“

Vielleicht beschreibt das auch unsere Zeit. Unsere Unruhe ist nicht nur ein Problem, das wir mit der richtigen Methode beseitigen müssen. Sie kann ein Zeichen dafür sein, dass wir für Gott geschaffen sind. Solange wir getrennt von ihm nach Erfüllung suchen, bleibt selbst das „tiefere Leben“ eine endlose Suche.

Jesus warnt zugleich vor dem Dieb, der kommt, um zu stehlen, zu töten und zu zerstören. Nicht jede Stimme, die Erfüllung verspricht, führt wirklich ins Leben. Manche machen uns nur unruhiger, weil sie davon leben, dass wir uns ständig unvollständig fühlen.

Leben in Fülle bedeutet nicht, dass immer alles gelingt. Die Fülle liegt nicht in perfekten Umständen, sondern darin, von Jesus gekannt, gerufen und geführt zu werden.

Vielleicht brauchen wir deshalb nicht noch mehr Neugier auf etwas Neues, sondern echten Hunger nach Gott. Neugier fragt: „Was gibt es noch?“ Hunger sagt: „Herr, ohne dich kann ich nicht leben.“

Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Wie kann ich noch mehr aus meinem Leben herausholen?“ Sie lautet: „Kenne ich die Stimme meines Hirten – und folge ich ihr?“

Jesus ruft uns beim Namen. Er öffnet die Tür und geht voran. Wo wir seiner Stimme folgen, findet unser unruhiges Herz Ruhe. 

Dort beginnt das wirkliche tiefe Leben.

                                                                  Pfarrer Eun Pyo Lee